Mainpage

Samstag, 29. Dezember 2012

Aus dem Leben... Teil 30


Wenn Körper und Trainer versagen

Ballannahme. Übersteiger rechts. Übersteiger links. Den Ball kurz vorbeigespielt, Gegnerin stehen gelassen. Jetzt nur noch die Torfrau… kein Problem. Ball durch die Beine geschoben. Und? Und? Jaaaa, drin! Klasse-Tor - Wahnsinn! Wobei sich andere Fußballer und Fußballerinnen die Beine zu einem Seemannsknoten verbinden würden, glänzt meine Freundin Sabrina Mohr regelmäßig. Doch so richtig kann sie sich darüber nicht mehr freuen. Zu viel ist einfach auf ihrem Weg von der kleinen Bina bis heute schief gelaufen. Weshalb sie ihren Traum vom großen Frauen-Fußballgeschäft vor fünf Jahren begraben musste. Völlig ohne Selbstverschulden. Ohne, dass sie etwas dafür konnte. Sondern einfach, weil die Welt so ungerecht ist, der Körper streikte und zu viele unfähige Menschen die wichtigen Positionen im Leben besetzen.


Bina hatte eigentlich alles um ganz oben anzukommen. Sie war verdammt ehrgeizig, hatte richtig Bock auf Fußball und einen tollen Charakter. Schon früher als sie mit sechs Jahren bei Fortuna Bredereiche begann, konnte sie Tricks mit dem Ball für die Bayerns Superstar Franck Ribéry noch heute eine Gebrauchsanweisung benötigt. Ihr Ballgefühl und Spielverständnis waren einfach sensationell. Sie war den kickenden Mädels und Jungs in ihrem Alter weit voraus. Und doch kam das Top-Talent nie ganz oben an. Weil zwei Dinge fehlten: die Gesundheit und richtige Trainer.

Unqualifizierte Trainer kosteten Bina die Karriere.
Denn Bina hat Asthma. Klar, selbst mit der Atemnot-Krankheit kann man Leistungssport betreiben. Das bewies schon  NBA-Megastar Dennis Rodman während seiner aktiven Zeit bei den Chicago Bulls. Doch wichtig dafür sind kompetente Trainer und behandelnde Ärzte. Die die Belastung steuern, wissen, wie sie mit dem Athleten umgehen müssen. Die hatte Bina einfach nicht!

Als sie 2003 mit zwölf Jahren auf die Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportschule von Turbine Potsdam kam, um unter „professionellen“ Bedingungen ihre Karriere weiter voranzutreiben, wusste niemand, dass bei ihr die Atemwege chronisch entzündet sind. Nicht mal sie selbst. Aber woher auch? Die Spiele in ihrem Heimatverein gegen gleichaltrige Jungs anderer Klubs unterforderten sie immer. Die Mittelfeldspielerin musste nie an ihre körperlichen Grenzen gehen. Sie wusste nicht wo diese lagen. Erst in Potsdam lernte sie kennen, wann ihr Körper am Ende ist. Täglich mehrstündige Trainingseinheiten und Wettkämpfe bei älteren Jahrgängen, zeigten ihr, wann Schluss ist. Und das war nach und nach immer viel früher als bei anderen Spielerinnen.

Das sahen auch die sogenannten „Fachleute“, die Herren Trainer, von Turbine. Aber anstatt stutzig zu werden, dass die 1,65 Meter kleine Dribblerin beim monatlichen Cooper-Test ständig einen Puls von über 200 erreichte, schickten die Bina noch vor der Schule laufen. Täglich um 6 Uhr morgens. 45 Minuten. Bei Wind und Wetter. Und sie gehorchte. Weil sie so verdammt ehrgeizig war, weil sie nach ganz oben wollte. Weil sie den Coaches vertraute. Die mussten doch Ahnung haben, schließlich waren die von Turbine Potsdam. Vom mehrfachen Deutschen Meister. Und genau die wurden ihr zum Verhängnis!

Trotz der morgendlichen Läufe stellten sich keine Ausdauer-Fortschritte ein und Bina musste die Cooper-Tests sogar mehrfach hintereinander laufen. Als Bestrafung! Ihr wurde vorgeworfen, sie sei faul. Sie wolle nicht. Eine Riesen-Frechheit! Dafür gehört den verantwortlichen Übungsleitern lebenslang die Lizenz entzogen! 

Und Bina? Die wollte es allen zeigen. Trainierte noch mehr. Noch härter. Doch irgendwann war Schluss. Nichts ging mehr. Die Luft wurde immer knapper. Weshalb sie einen Lungenarzt aufsuchte. Ein verdammt wichtiger und richtiger Schritt. 

Denn der Spezialist diagnostizierte sofort: Asthma Bronchiale. Von Leistungssport riet er ab. Zu gefährlich! Auch trotz des Asthma-Sprays, das sie von da an regelmäßig einnahm und immer bei sich trug. Das ständige Trainieren auf die angeschlagene Lunge hat diese zu sehr geschädigt. Und das nur, weil sie völlig unqualifizierten Trainern vertraute, die es eigentlich hätten besser wissen müssen. Die hätten merken müssen, dass irgendetwas nicht stimmte. Nur deshalb platzte ihr großer Traum von der Frauen-Bundesliga und vom A-Nationalteam.

Perfekte Schusstechnik - Bina beim Eckball für Hohen Neuendorf.
Fotos: Jürgen Teßmann, Foto-Edit: Steven Jahn
Mittlerweile ist Bina 22 und spielt nur noch auf Kreisebene. Weil es ihr Spaß macht. In Fürstenberg, nah der Heimat. Ganz ohne Druck und Atemnot. Zwischenzeitlich hat sie sogar versucht noch einmal anzugreifen. In Hohen Neuendorf, in der Regionalliga. Doch nach nur einer Saison bei den Rand-Berlinerinnen endete das Experiment. Grund: die Gesundheit. Nacken-Probleme in Form des Nullten Wirbels zwangen die Spielmacherin zur erneuten Kapitulation vor dem Leistungssport und zum Schritt nach Hause.

Fußball ist längst nicht mehr alles für sie. Derzeit wird sie zur Kauffrau für Bürokommunikation bei der Stiftung Oper in Berlin ausgebildet. Nicht schlecht, aber eben nicht das was sie in ihrem Leben vorhatte. Sie wollte Fußballerin werden. Ein Star. Auf hohem Niveau kicken. Deshalb erinnert sie sich noch oft an die Sportschul-Zeit. Denn nicht alles war so katastrophal, wie die Hohlbirnen die sich Trainer schimpfen. Sie lernte viele Freunde kennen. Wurde 2006 Deutsche Meisterin der B-Juniorinnen und 2007 Vize-Schulweltmeisterin in Chile. Sogar in die Juniorinnen-Nationalmannschaft packte sie es. Wer kann das schon von sich behaupten? Richtig, nicht viele. Nicht du und auch nicht ich. Nur Bina aus Bredereiche.

Ich bin stolz auf meine Bina und ihren Weg. Und habe das hier geschrieben, weil es mir jedes Mal wieder die Tränen in die Augen treibt, wenn ich sie spielen sehe und daran erinnert werde, dass so ein Top-Talent wegen Unfähigkeit einzelner Personen seinen Traum aufgeben musste!

Steven Jahn

Kommentare:

  1. als Trainer, besonders im Nachwuchsbereich hat man viel Verantwortung. Leider wird das zu oft vergessen. Ich freu mich trotzdem immer wenn ich Sabrina am Ball sehe.

    Jens-Uwe Ludwig
    Trainer SV Blau-Gelb Berlin

    AntwortenLöschen
  2. Menno Steven, wenn nicht bald mal was Optimistisches, etwas Schönes oder Hoffnungsvolles kommt, biste weg von meinen Favoriten.
    Ich hoffe, Du verstehst, wie ich das meine.
    Und Jens-Uwe, ich hoffe Du verstehst es auch: das mit der Verantwortung klemme Dir mal hinter den Spiegel...;o)
    ...obwohl ich manchmal mit Dir tauschen wollen würde ;o)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schön zu sehen, wie stolz du auf deine Freundin bist !

      Löschen