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Samstag, 27. Oktober 2012

Deutschland und die Welt... Teil 19


Weihnachtsgeschichte

Mütter sind sooo lieb und nett. Zumindest zu ihren Kindern. Also sollten sie sein. Ist meine Mutter in der Regel auch zu mir. Doch manchmal, ganz unbewusst und unbeabsichtigt können Mütter ihren Kindern richtig wehtun. Ungefähr so, wie als wenn man mit voller Wucht gegen eine Steinmauer rennt. Mit dem Kopf voraus. Ohne Helm. Autsch!
Warum ich euch das erzähle? Ganz einfach. Als ich letztens durch den Supermarkt meines Vertrauens stolperte, REWE – Besser Leben (fand ich jetzt wichtig), sah ich, dass wieder unzählige Schokoweihnachtstypen in den Regalen standen. Und diese erinnerten mich an ein schmerzhaftes, einschneidendes und trauriges Kapitel in meiner bisherigen Lebensgeschichte. Aber lest selbst!

Wer hätte da bitte keine Angst vor gehabt?
Als ich klein war, beziehungsweise, als ich jung war, hatte ich extreme Angst vorm Weihnachtsmann. Gut, das lag vielleicht daran, dass jedes Jahr an Heiligabend ein Mann mit rotem Germina-Trainingsanzug und Furcht einflößender Plastik-Maske im Wohnzimmer stand. Dieser einen blauen Plastik-Sack bei hatte und mir als Weihnachtsmann vorgestellt wurde. Genau daran wird’s gelegen haben! Oder eher an dem Stück Holz, das er in der anderen Hand hielt und mir Prügel androhte, wenn ich ihm kein Lied vorsinge? Hmm, das werde ich wohl nie herausfinden.

Jedenfalls, im Laufe der Jahre gewöhnte ich mich an den Kerl, der trotz seiner harten Schale einen weichen Kern hatte. Schließlich ließ der Knüppel ja immer Mega-Krasse-Geschenke da! Der gruselige Mann gehörte einfach dazu. Hatte in meinem Kopf den Status eines Helden erlangt. So wie Batman oder der Spinnen-Mann. Kurz, ich war Glücklich mit meiner Denke. Mit meiner Weltanschauung. Das ging ungefähr die ersten sieben Jahre meines Lebens so. Dann folgte das grausamste, schockierendste Erlebnis, welches einem Erstklässler passieren kann.

Es war ungefähr zur selben Zeit wie jetzt, vor genau sechzehn Jahren. Papa, Mama, mein Bruder und ich schlenderten durch den Supermarkt unseres Vertrauens. Marktkauf – Was anderes kommt bei mir nicht in die Tüte (empfand ich jetzt wieder für wichtig). Und wir entdeckten? Genau, Schokoweihnachtstypen.

Dann geschah es. Meine Mutter versetzte mir einen imaginären Dolchstoß, schubste mich bildlich voll gegen die Steinmauer. Richtete aber vorher noch meinen Kopf und nahm mir meinen Helm ab. Kurz gesagt, sie trat mir in meine Kinder-Eier.

Mutter zu Papa: „Aber dieses Jahr zu Weihnachten verkleidest du dich nicht als Weihnachtsmann. Aus dem Alter sind sie jetzt heraus. Sie wissen ja, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.“
Autsch! Was? Papa? Du warst der Weihnachtsmann? Wie, häääh? Von jetzt auf gleich war ich erwachsen. Wurde ich aus meiner Kindheit, aus meiner heilen Welt mit echten Weihnachtsmännern gerissen. Ich war sprachlos. Tagelang konnte ich nicht mehr reden. Aß nicht mehr. Nässte wieder nachts ein, dabei war ich seit meinem zweiten Lebensjahr trocken. Es war die Hölle! Mama, du hast mir so weh getan! Du hast mir meinen Glauben gestohlen!

Den ganzen Spuk hatte ich erst verarbeitet, als knapp zwei Monate später das nagelneue FIFA 97 für den Gameboy unter unserer unechten Weihnachtstanne lag. Der Typ im Germina-Anzug war dann schnell vergessen. Ich aß wieder, mehr als vorher. Plötzlich war ich auch wieder trocken. Bis zu dem Tag, als ich es wagte, meine Mama zu fragen: „Wenn es keinen Weihnachtsmann gibt, gibt es dann auch keinen Batman und keinen Spiderman?“

S.J.

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